Thursday, October 29, 2026

Der Zauber von Nachtzügen

 Nicht immer macht Bahnreisen Spaß - etwa wenn der Zug nicht am Gleis steht und laut Anzeigetafel auch in den nächsten 120 Minuten nicht zu erwarten ist. Oberleitungsstörung, Gleisarbeiten, Stellwerkprobleme - viele kennen das. Trotzdem, mit dem Zug unterwegs sein und die Landschaft vorbeiziehen zu sehen, das hat etwas, was kein Flugzeug bieten kann. Und Reisen mit einem Nachtzug haben noch mal einen ganz besonderen Zauber. Da war für mich klar, dass ich Monisha Rajeshs Buch "Moonlight Express - Mit dem Nachtzug durch die Welt" unbedingt lesen muss.

Die britische Reisejournalistin hat schon mehrere Bücher über Zugreisen in aller Welt sowie in Indien, dem Herkunftsland ihrer Eltern, geschrieben. Allein, mit Freunden und teilweise auch mit den kleinen Töchtern zog sie los, um neue Strecken zu erkunden, mit Zugpersonal und anderen Reisenden zu sprechen. Den Anfang macht ein Klassiker: Von Paris nach Istanbul, die Strecke des legendären Orient-Express, allerdings in verschiedenen Zügen und ohne den Luxus der Belle Epoque. Auch die neuen Nachtzüge, die von Österreich aus durch Europa führen oder Strecken in Skandinanvien testete die Autorin und macht in ihren Beschreibungen Lust auf die Suche nach Polarlichtern oder dem Weihnachtsmann oben am Poarkreis.

Während Europa ein Schwerpunkt des Buches ist, fehlen auch internationale Strecken nicht, etwa mit Amtrak von Miami nach New York oder mit einem Luxuszug durch die Anden. Teilweise erwähnt Rajesh dabei die Kosten, leider nicht durchgehend. Dabei wäre das durchaus hilfreich, um eine Strecke selbst zu planen. Egal, wozu gibt es das Internet mit den hoffentlich aktuellen Informationen der Zuggesellschaften.

Bei zunehmender Dauer der Reisen, für die mehrjährige Recherchen und Umsetzung nötig waren, nervt allerdings das übersensible Gejammere, mit dem die Autorin wohl ihr politisches Bewusstsein unter Beweis stellen will. Mehrklassengesellschaft im Zug, die gleich unter postkolonialem Blick betrachtet werden muss? Sich als PoC zu inszenieren, wenn man selbst ziemlich privilegiert als Arzttochter aufgewachsen zu sein scheint (und auch die finanziellen Mittel für so eine ausgiebige Recherche hat) ist irgendwie in dem Kontext redundant. Auch das wiederholte Betonen ihrer Palästinenser-Pin und Völkermord Vorwürfe gegen Israel (während die Hamas-Verbrechen am 7. Oktober oder die Tatsache, dass die Hamas die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde missbraucht hat, indem sie Kommandobunker in und unter Schulen und Krankenhäusern errichtete) hätte ich für einen Reisebericht wirklich nicht gebraucht. 

Von dieser Einschränkung abgesehen habe ich das Buch, wo es um Züge, Länder, Reisende und Begegnungen auf der Strecke ging, gern gelesen.


Monisha Rajesh, Moonlight Express - Mit dem Nachtzug um die Welt

Rowohlt 2026

416 Seiten, 18 Euro

9783499019593

Wednesday, March 19, 2025

Bassd scho - Ewald Arenz als Franken-Erklärer

 Ewald Arenz ist nicht nur in Franken geboren und aufgewachsen, auch seine Romane spielen häufig in der Region, in den  Dörfern und Kleinstädten mit ihrem nicht gerade zu rheinischer Kommunikationsfreude auflaufenden Menschen. Da liegt es nahe, ihn als Reiseführer und Erklärer der Region in der Reihe "Gebrauchsanweisung für..." einzusetzen, und Arenz ist der Aufgabe offenbar hochmotiviert nachgekommen. Zu dem Ergebnis würde man in Franken vermutlich knapp sagen: Bassd scho. Das ist, wie auch Arenz in seiner Beschreibung fränkischer Mentalität erzählt, geradezu überschwengliches Lob.

Arenz nimmt seine Leser*innen mit auf eine Reise kreuz und quer durch Franken, ausgehend von Nürnberg, schildert Lokalrivalitäten zwischen Ober- Mittel- und Mainfranken, zwischen Nürnberg und Fürth und zwischen Franken und Bayern sowieso. Denn eines müssen Franken-Besucher gleich von Anfang an verinnerlichen: Franken fühlen sich ganz überwiegend nicht als Bayern!

Arenz´Gebrauchsanweisung für lieblich-romantische Landschaften, schmucke Dörfer und Kleinstädte mit wenig Tourismus und manch architektonischem Juwel ist launig geschrieben, mit heiterer Ironie und einer Mischung aus Nähe und Distanz. Der Autor, der sich gerne auf dem Fahrrad durch Franken bewegt, plädiert für das langsame Reisen durch eine uralte Kulturlandschaft, wo alle schon mal waren - die Kelten, die Römer und selbst die Preußen. Von Bratwurst und Bier ist die Rede, von Mainschleife und Bochsbeutel, den Spuren der Bauernkriege und des Nationalsozialismus.

Vor allem aber ist es ein Beschreibung von Idylle und einem irgendwie langsameren Leben jenseits hipper Metropolen. Man sollte schon das Kleine, Überschaubare lieben, sanftes Hügelland und plätschernde Bäche, wenn man sich auf eine Franken-Tour begibt. Hungrig und durstig wird man jedenfalls nicht enden, wenn man Arenz´ Ratschläge berücksichtigt.


Ewald Arenz, Gebrauchsanweisung für Franken 

Piper 2025

240 Seiten, 16 Euro

9783492277730

Wednesday, February 5, 2025

Nachdenken in der Wüste

 Die Wüste hat mich schon immer fasziniert. Da war schnell klar, dass ich mit dem Buch "Der Weg" von Wolfgang Büscher zumindest per e-reader in der Sahara unterwegs sein wollte. Der Autor war in Begleitung einheimischer Führer/Fahrer wochenlang im algerischen Ahoggar unterwegs, zwischen Bergen und Wüste, auch auf den Spuren von Charles de Foucauld, auf dessen Leben er immer wieder eingeht.

Unterwegs sein in der Wüste entschleunigt und macht bescheiden - denn die Umgebung ist so viel größer als der Reisende. Das ist auch beim Lesen immer wieder zu spüren, wenn der Autor nur schaut und denkt. Aus den Gesprächen mit seinen Begleitern lernt er über die Lebensweise der Tuareg, über Traditionen, die immer noch lebendig sind, die in den wachsenden Städten wie Tamanrasset auch zunehmend bedroht sind. Eher nebenher geht es um die Migrationsrouten, aber das Schicksal der Afrikaner, die von Schleusern durch die Wüste gekarrt werden, von denen viele niemals ihr Ziel erreichen, bleibt vage. Mehr Aufmerksamkeit widmet Büscher den illegalen Goldschürfern, vielleicht, weil sie die erhabene Landschaft zerstören.

Die Naturbeschreibungen lassen die Großartigkeit der Berge in ihren vielen Formen, mit Spuren früher menschlicher Besiedlungen, als die heutige Sahara eine grüne Savanne war, ahnen. Leider ist das Buch nur äußerst sparsam bebildert, den Rest muss die eigene Vorstellungskraft schaffen. Langsam und nachdenklich erzählt ist auch in diesem Buch der Weg das Ziel.

Wolfgang Büscher, der Weg. Eine Reise durch die Sahara

dtv 2025

240 Seiten, 24 Euro

 9783423284462

Saturday, November 16, 2024

Traumstraßen - wenn der Weg das Ziel ist

 Die Weite an der Küste, malerische Alleen, Fachwerkstädte und majestätische Berggipfel: In "33 Traumstraßen" des Polyglott-Verlags ist der Weg das Ziel. Unterteilt in "Nord" und "Süd" werden 33 Rund- und Streckentouren in und um  Deutschland vorgestellt: Ob Nord- und Ostsee (mit Abstechern ins südliche Dänemark oder ins polnische Swinoujscie, im Buch aussprachefreundlicher mit dem deutschen Namen Swinemünde), Lüneburger Heide, Mosel oder Alpen, romantischer Mittelrhein oder Mecklenburger Seen. Mit einer Tour ins Elsass geht es auch zum Nachbarn Frankreich. Gleich mehrere Touren gibt es in Österreich und Norditalien.

Neben Kurzbeschreibungen der wichtigsten oder sehenswertesten Orte entlang der Strecke gibt es Übernachtungstipps und zu jedem Ort eine Verlinkung auf Landkarten - für die Tourenplanung auf jeden Fall praktisch. Das Buch ist so strukturiert, dass es leicht ist, bei Gefallen an einer Strecke weiter zu recherchieren. Großstädte sind die Ausnahme entlang der Traumstraßen, es geht vor allem um Landschaften und kleine, malerische Orte. Zahlreiche Bilder wecken Reiselust.

Als Nicht-Autobesitzerin frage ich mich angesichts der 20 bis 30 Kilometer-Etappen entlang der Stecken allerdings, warum das Buch so auf Autofahrer zugeschnitten ist. Bei diesen Etappenlängen bieten sich die Strecken schließlich auch für Radwanderer an. Hier wären Hinweise zu Radwegenetz gut gewesen, oder auch Alternativen für ÖPNV-Benutzer. Das Deutschlandticket bietet schließlich genügend Anreiz, über den gewohnten Radius hinaus auf Tour zu gehen.

Bei nur 33 Strecken bleibt naturgemäß einiges auf der Strecke, gerade in den mittleren Regionen Deutschlands. Zur Plannug von Ausflügen und Kurzurlauben bietet das Buch dennoch zahlreiche Anregunngen. 

33 Traumstraßen

Polyglott 2024

16,99

 9783846410226

Sunday, August 11, 2024

Von Hunderennen, Wettbüro und Lebenswasser

 Klar, Bier und Whiskey dürfen nicht fehlen in Ralf Sotscheks "Gebrauchsanweisung für Irland". Wobei der Autor gleichzeitig mit Vorurteilen aufräumt: Es sei keineswegs so, als ob die Iren beim Konsum beider Getränke meilenweit vor anderen Europäern liegen - da sorgen schon die stolzen Preise auf der Insel für. Und ja, trinkfest und -freudig seien  die Inselbewohner durchaus.

Es ist weniger ein klassischer Reiseführer als ein Blick in die irische Seele und die Gewohnheiten der Iren, von der Wettleidenschaft bis zum Hunderennen und Gaelic Football, bei dem es offenbar rauh zur Sache geht. Es geht um die oft tragische Geschichte, um Dichter, Schriftsteller und Barden, um die britische Kolonisierung und den Widerstand dagegen.

Und natürlich geht es auch um Politik, um Wirtschaft und Umwelt, um die hohen Miet- und Lebenshaltungskosten, EU-Rettungsschirm und soziale Schere. "Gebrauchsanweisung für Irland" trägt nicht zur Romantisierung Irlands bei, schwankt zwischen Schmonzetten und nüchterner Analyse. Und auch wenn das Buch eher geeignet ist, Grundlagen zu Geschichte und Gegenwart zu bekommen, gibt es doch auch ein paar Tipps, sei es für die besten Fish & Chips Dublins oder den Umgang mit irischen Marktfrauen.

Ralf Sotschek, Gebrauchsanweisung für Irland

Piper 2024

224 Seiten, 13,99

9783492608176

Monday, July 29, 2024

Spuren der Wildnis

  Es gibt Bücher, die sind ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Robert MacFarlane´s  "Karte der Wildnis" gehört für mich auf jeden Fall dazu.  Angetrieben von der Sehnsucht nach den letzten verbliebenen Gebieten von Wildnis in einem von Industrialisierung und intensiver Landwirtschaft geprägten Großbritannien, macht er sich auf die Suche - in Mooren und Tälen, auf Bergen und and der Küste, von Wales über Schottland nach Irland.

Mac Farlane legt keinen Wert auf Bequemlichkeit, biwakiert auch bei Frosttemperaturen, Schneefall und Regensturm im Freien. Der Lohn dafür sind immer wieder Sternennächte ohne Lichtverschmutzung, Tierbeobachtungen, Stille und Momente voller Freude, aber auch Ängste und Respekt vor der Macht der Natur.

In seiner Karte der Wildnis, die im Gegensatz zum Autoatlas eher an die gesungenen Traumkarten indigener Völker erinnert, stellt sich MacFarlane ganz bewusst in die Tradition derjenigen, die an den beschriebenen Orten, aber auch überall auf der Welt im Laufe der Jahrhundert die Begegnung mit ursprünglicher Natur gesucht haben. So ist das Buch auch ein Nachdenken über Geschichte und Kultur, über die Mönche und Einsiedler, die bewusst solche Orte der Stille gesucht haben.  Andere Landschaften sind von Entvölkerung durch Gewalt und Elend geprägt, etwa im schottischen Hochland oder im irischen Burren, in dem verlassene und verfallene Dörfer die verbliebenen Spuren der großen Hungersnot im 19. Jahrhundert sind.

MacFarlane beschreibt Begegnungen mit Förstern und Naturfreunden, zitiert Philosophen, Gelehrte, Naturforscher. Seine Begeisterung für die Natur ist ansteckend.  Seine Erkenntnis, dass man manchmal gar nicht so weit und in so herausfordernde und unwirtliche Landschaften gehen muss, um zu beobachten, wie wilde Natur sich kleine Reservoire zurückerobert, ist eine Einladung, neugierig zu sein, genau hinzuschauen und zu staunen.


Robert MacFarlane, Karte der Wildnis

Ullstein 2024

304 Seiten, 16, 99

9783548068527

Monday, July 1, 2024

Zwischen Saudade und vielen Hügeln

 Das schöne an den Reisebänden "Gebrauchsanweisung für..." ist, dass sie weniger klassische Reiseführer als vielmehr persönliche Bekenntnisse, Erzählungen, Geschichten sind und ebensoviel über die Beziehung des Autors oder einer Autorin zu einer Stadt erzählen wie über die Sehenswürdigkeiten. Als Vorbereitung zu einem Besuch lassen sie sich lesen, viel mehr aber, um die Zeit zum nächsten Besuch in einer Stadt oder einem Land, das man selbst ins Herz geschlossen hat, zu überbrücken. "Gebrauchsanweisung für Lissabon" von Martin Zinggl bildet da keine Ausnahme.

Zinggl schildert das, wofür Lissabon berühmt ist: Fado, Pasteis de nata, die hügeligen Altstadtviertel. Er verbindet das aber stets mit Episoden und Menschen, die dem Ganzen noch zusätzlich Leben einhauchen. Nach 19 Jahren von Besuchen in Lissabon beobachtet er auch die Veränderungen: erst der verfallene Charme, dann die zunehmende Entdeckung durch den Tourismus, Overtourism, Gentrifizierung, Hipstergizierung. Die Ein-Tages-Invasion von Kreuzfahrttouristen und die Verwandlung historischer Stadtviertel in Airbnb-Hochburgen, in denen sich die Einwohner nicht mehr die Miete leisten können.

Auch da Umland von Lissabon findet einen Platz in diesem Buch, seien es die Wälder von Sintra oder die Strände rund um die portugiesische Hauptstadt mit ihren Buchten und Wellen, die so viele Surfer anziehen. Und zwischen aller Kommerzialisierung ist sie doch noch gelegentlich zu finden, die saudade, dieses melancholische Lebensgefühl der Stadt mit ihren steilen Kopfsteinstraßen, Treppen und miradouros, mit ihrem wunderbaren Licht und einem Charme, der -noch - an versteckten Orten der Vereinnahmung durch den Massentourismus trotzt.

Für mich weckt dieses Buch jedenfalls Erinnerungen an die "Stadt des Lichts" und der blau-weißen Fliesen, die bis zum nächsten eigenen Besuch Lissabon-Feeling wecken.


Mattin Zinggle, Gebrauchsanweisung für Lissabon

Piper 2024

224 Seiten, 13,99 Euro

 9783492607261