Monday, July 29, 2024

Spuren der Wildnis

  Es gibt Bücher, die sind ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Robert MacFarlane´s  "Karte der Wildnis" gehört für mich auf jeden Fall dazu.  Angetrieben von der Sehnsucht nach den letzten verbliebenen Gebieten von Wildnis in einem von Industrialisierung und intensiver Landwirtschaft geprägten Großbritannien, macht er sich auf die Suche - in Mooren und Tälen, auf Bergen und and der Küste, von Wales über Schottland nach Irland.

Mac Farlane legt keinen Wert auf Bequemlichkeit, biwakiert auch bei Frosttemperaturen, Schneefall und Regensturm im Freien. Der Lohn dafür sind immer wieder Sternennächte ohne Lichtverschmutzung, Tierbeobachtungen, Stille und Momente voller Freude, aber auch Ängste und Respekt vor der Macht der Natur.

In seiner Karte der Wildnis, die im Gegensatz zum Autoatlas eher an die gesungenen Traumkarten indigener Völker erinnert, stellt sich MacFarlane ganz bewusst in die Tradition derjenigen, die an den beschriebenen Orten, aber auch überall auf der Welt im Laufe der Jahrhundert die Begegnung mit ursprünglicher Natur gesucht haben. So ist das Buch auch ein Nachdenken über Geschichte und Kultur, über die Mönche und Einsiedler, die bewusst solche Orte der Stille gesucht haben.  Andere Landschaften sind von Entvölkerung durch Gewalt und Elend geprägt, etwa im schottischen Hochland oder im irischen Burren, in dem verlassene und verfallene Dörfer die verbliebenen Spuren der großen Hungersnot im 19. Jahrhundert sind.

MacFarlane beschreibt Begegnungen mit Förstern und Naturfreunden, zitiert Philosophen, Gelehrte, Naturforscher. Seine Begeisterung für die Natur ist ansteckend.  Seine Erkenntnis, dass man manchmal gar nicht so weit und in so herausfordernde und unwirtliche Landschaften gehen muss, um zu beobachten, wie wilde Natur sich kleine Reservoire zurückerobert, ist eine Einladung, neugierig zu sein, genau hinzuschauen und zu staunen.


Robert MacFarlane, Karte der Wildnis

Ullstein 2024

304 Seiten, 16, 99

9783548068527

Monday, July 1, 2024

Zwischen Saudade und vielen Hügeln

 Das schöne an den Reisebänden "Gebrauchsanweisung für..." ist, dass sie weniger klassische Reiseführer als vielmehr persönliche Bekenntnisse, Erzählungen, Geschichten sind und ebensoviel über die Beziehung des Autors oder einer Autorin zu einer Stadt erzählen wie über die Sehenswürdigkeiten. Als Vorbereitung zu einem Besuch lassen sie sich lesen, viel mehr aber, um die Zeit zum nächsten Besuch in einer Stadt oder einem Land, das man selbst ins Herz geschlossen hat, zu überbrücken. "Gebrauchsanweisung für Lissabon" von Martin Zinggl bildet da keine Ausnahme.

Zinggl schildert das, wofür Lissabon berühmt ist: Fado, Pasteis de nata, die hügeligen Altstadtviertel. Er verbindet das aber stets mit Episoden und Menschen, die dem Ganzen noch zusätzlich Leben einhauchen. Nach 19 Jahren von Besuchen in Lissabon beobachtet er auch die Veränderungen: erst der verfallene Charme, dann die zunehmende Entdeckung durch den Tourismus, Overtourism, Gentrifizierung, Hipstergizierung. Die Ein-Tages-Invasion von Kreuzfahrttouristen und die Verwandlung historischer Stadtviertel in Airbnb-Hochburgen, in denen sich die Einwohner nicht mehr die Miete leisten können.

Auch da Umland von Lissabon findet einen Platz in diesem Buch, seien es die Wälder von Sintra oder die Strände rund um die portugiesische Hauptstadt mit ihren Buchten und Wellen, die so viele Surfer anziehen. Und zwischen aller Kommerzialisierung ist sie doch noch gelegentlich zu finden, die saudade, dieses melancholische Lebensgefühl der Stadt mit ihren steilen Kopfsteinstraßen, Treppen und miradouros, mit ihrem wunderbaren Licht und einem Charme, der -noch - an versteckten Orten der Vereinnahmung durch den Massentourismus trotzt.

Für mich weckt dieses Buch jedenfalls Erinnerungen an die "Stadt des Lichts" und der blau-weißen Fliesen, die bis zum nächsten eigenen Besuch Lissabon-Feeling wecken.


Mattin Zinggle, Gebrauchsanweisung für Lissabon

Piper 2024

224 Seiten, 13,99 Euro

 9783492607261