Monday, October 9, 2023

Savoir vivre und ein paar Klischees

 In Paris kennt sich Alexander Oetker als langjähriger Korrespondent von RTL und ntv in der französischen Hauptstadt zweifellos aus. In der Reihe "Nice to meet you" darf er seine Lieblingsstadt und auch ein bißchen sich selbst präsentieren, denn der knapp 200 Seiten umfassende Band ist eine Mischung auf Reiseführer und persönlichen Erlebnissen, Plaudereien mit und über Freunde und Rückblick, wie es denn damals so war, mit eher bescheidenen Schulkenntnissen in Paris Fuß zu fassen. Vor der Wohnungssuche und horrenden Mieten einmal ganz zu schweigen!

Meist plaudert der Autor leicht daher, und dazu passt es dann auch, dass auf den Bildern immer wieder Oetker zu sehen ist, mal mit Baguette, oft in geringeltem Shirt - da fehlt zum Klischee wirklich nur noch die Baskenmütze. Ich werte das jetzt mal als ironisches Spiel mit Stereotypen.

Die Hauptsehenswürdigkeiten werden geschildert, gelegentlich gewürzt mit ein paar Häppchen aus dem Korrespondentenleben. Gelegentlich gibt es auch ernstere Töne, wenn es etwa um die Terroranschläge von 2015 geht und wie sie das Leben der Pariser verändert haben. Auch die sozialen Probleme in den Vorstädten, die Wut der Ausgegrenzten, werden nicht völlig ausgeklammert, doch es überwiegt dann doch das Postkarten-Paris.

Als Einstimmung für einen Paris-Besuch und Anregung zu Spaziergängen am rechten wie linken Ufer der Seine gut geeignet.


Alexander Oetker, Nice to meet you Paris

Polyglott 2023

192 Seiten, 19,99 Euro

978-3846409985

Friday, April 7, 2023

Liebeserklärung an Ostafrika und das Ubuntu-Prinzip

 Eines wird schnell klar beim Lesen von Monika Czernins "Gebrauchsanweisung für Tansania": Die Autorin ist begeistert von dem ostafrikanischen Land und seinen Menschen, berichtet voller Begeisterung von Erlebnissen und Begegnungen in dem Land, das sie seit 20 Jahren immer wieder bereist. Für alle, die das "Afrikafieber" selbst kennen, also eine Lektüre, die die Zeit bis zur nächsten Reise ein bißchen verkürzen kann mit Erinnerungen, die vielleicht bekannt klingen.

Von den großen Seen im Westen über den Northern Safari Circuit mit Serengeti und Ngorongoro geht es bis hin zur Metropole Daressalam am Indischen Ozean und natürlich auf die Insel-Archipel um Sansibar und entlang der Küste. Die Autorin, die ihre Leser mit der "wir"-Ansprache gewissermaßen mitnimmt, bemüht sich auch, Kultur und Gesellschaft nahe zu bringen, wobei sie meiner Meinung nach die Lobpreisung des Ubuntu, des Prinzips von Gemeinschaft, etwas übertreibt und eine verklärte Sicht auf die Gesellschaft hat. Meiner Erfahrung nach ist das keineswegs auf das "Große Ganze" anzuwenden, sondern gilt in der Familien- und Dorfgemeinschaft, wobei es auch dort durchaus eifersüchtige Besitzstandswahrung geben kann und keineswegs alles bereitwillig geteilt wird.

Erfreulich ist, dass Czernin manchem Stereotyp der verarmten Afrikaner entgegen zu wirken versucht. Es gibt ja viele Touristen, die glauben, sie müssten Bonbons, Kugelschreiber und alte Kleidung an Hotelpersonal oder wildfremde Kinder verteilen "weil die Menschen in Afrika so arm sind". Czernin beschreibt die aufstrebende Mittelschicht, Unternehmergeist und digitales Wachstum, das nicht nur in Tansania, sondern in der gesamten Region verbreitet ist. Dass es dann immer hip, lässig und international urban mit Protagonisten in Dreadlocks zugeht, ist hingegen ein bißchen ein Tunnelblick - von der häufig ausgesprochen konservativen Gesellschaft, nicht nur auf den Dörfern, sondern auch in den Großstädten, auch in der Mittelschicht, ist jedenfalls weniger die Rede.

Abgesehen von den störenden langen Schachtelsätzen macht es dennoch Spaß, die Autorin zu begleiten auf ihrer Reise und Anregungen für künftige Besuche mitzunehmen. Wer noch nie in Tansania war und sich nach der Lektüre des Buches auf den Weg machen will, könnte dennoch einen Schock erleiden, denn in der "Gebrauchsanweisung" ist von Geld eher oberflächlich und nicht in konkreten Zahlen die Rede.

Denn Tansania ist ein teures Reiseland, der Safaritourismus schlägt im Geldbeutel deutlich mehr ein Loch als in Kenia oder Südafrika (wo es auch nicht unbedingt billig ist). Wenn die Autorin dann ausführlich ein kleines Öko-Hotel auf einer der etwas abgelegeneren  Inseln vorstellt (mit dessen Eigentümern sie freundschaftlich verbunden ist und die Rundreise unternimmt), werden keine Preise genannt. Auch das Safari-Camp, das nur jeweils eine Handvoll Gäste aufnimmt und so sicherlich ein  ursprünglicheres Safari-Gefühl bietet als eine Lodge mit 200 Gästen, dürfte seinen Preis haben. Für Afrika-Neulinge und Tansania-Interessierte wäre es sicherlich wesentlich transparenter, wenn etwa im Anhang Preisbeispiele genannt worden wären.

Monika Czernin, Gebrauchsanweisung für Tansania

Piper 2023

224 Seiten, 16 Euro

978-3-492-27748-8

Sunday, February 26, 2023

Der Weg als Ziel

 Old school, wie ich bin, verbringe ich nicht viel Zeit mit Instagram und anderen Selbstdarstellungskanälen, Influencer können an mir keinen müden Cent verdienen, die kenne ich noch nicht mal. Und deshalb war mir auch der Name Christine Thürmer völlig unbekannt, bis mir der Buchtitel (ganz klassisch eben) ins Gesicht sprang: Auf 25 Wegen um die Welt. Mein Interesse war sofort geweckt. Den marketingkräftigen Teaser "meistgewanderte Frau der Welt" hätte ich nicht gebraucht, er hat mich aber auch nicht abgeschreckt.

Immerhin: Nach eigener Darstellung hat die Autorin rund 60 000 Kilometer bei Langstreckenwanderungen zurückgelegt, mit Ultraleichtgepäck - Respekt! Dass Wandern entschleunigt, habe ich auch auf wesentlich kürzeren Touren festgestellt und es war schon immer meine Maxime, dass der Weg das Ziel ist. Schließlich sind wir, in unseren Ursprüngen, schließlich alle Nomaden, Jäger und Sammler, oder jedenfalls die Nachkommen von ihnen.

Nun sind die meisten von uns leider dazu gezwungen, einem Broterwerb nachzugehen, die Miete will gezahlt werden und Selbstverwirklichung ist zwar toll, das Leben aber leider nicht umsonst. Wie die allermeisten Menschen kann ich meine Ausstiegsträume daher nur in kleinen Dosen umsetzen und muss darauf hoffen, am Ende des Berufslebens gesund und fit genug zu sein, um mich auch richtig lange auf Tour zu machen.

Unter den 25 Wegen, die Thürmer in ihrem Weg vorstellt, sind aber auch anfänger- und familienfreundliche. die sich auch während eines zwei- oder dreiwöchigen Urlaubs umsetzen können. Der Frankenweg etwa, eine Wanderung kreuz und quer durch die Wachau, durch Mazuren auf den Spuren des alten Ostpreußens oder durch estländische Sümpfe - letzteres steht bei mir jetzt trotz der von der Autorin beschriebenen Mückebplage auf dem Zettel.

Die Touren werden nur ansatzweise nach Wegebeschaffenheit und -schwierigkeit beschrieben, eher handelt es sich um Anekdoten von Begegnungen und Erlebnissen, mit denen Thürmer vermutlich auch ihre Vorträge würzr. Aber dafür gibt es ja die klassischen Wander-Apps zur weitergehenden Recherche und im Buch Literaturhinweise und Links.

Wer es ein bißchen härter mag oder survival skills mitbringt, kann in der Weite Patagoniens, im australischen outback oder im Wilden Westen der USA die Wanderstiefel schnüren. Wobei die Sümpfe Floridas nun wirklich nicht so toll für Fußgänger klingen.

Als Reisevorbereitung ist das Buch nur bedingt geeignet, als Apetitanreger aber auf jeden Fall. Ich überlege jedenfalls schon, welcher der beschriebenen Wege nun als nächstes auch auf meine to do-Liste kommt.

Christine Thürmer,  Auf 25 Wegen um die Welt

Piper 2023

304 Seiten, 18 Euro

 978-3-89029-556-5 

Wednesday, February 22, 2023

Plauderstündchen aus einem Kosmopolitenleben

 Beim Lesen von "Öfter mal die Welt wechseln" von Armin Geiges hatte ich ein echtes Deja vu Erlebnis, erinnerte mich Art und Ton des Buches doch stark an Veranstaltungen meiner Studentenzeit, als leitende Redakeure in Zeiten großen Andrangs auf die Medien bei Veranstaltungen wie "Magisterstudium - und dann?" Vorschläge machten wie: Fahren Sie doch einfach mal ins nächste Krisengebiet und bieten Sie von dort Geschichten an. Die nächsten, damals aktuellen Krisengebiete damals waren unter anderem El Salvador und Nicaragua. Mal eben so hinzufliegen wäre mir schon allein finanziell nicht möglich gewesen.

Geiges dagegen zog es im Wendejahr 1989 nach Moskau und er knüpfte Kontakte mit Medienvertretern, die sich dann auch in der Folgekarriere immer wieder als einträglich wie auch erfolgreich erwiesen. Vermutlich kein Wunder, wenn er also im Rückblick auf sein Globetrotter- und Expatleben - unter anderem als Stern-Korrespondent in  China, für Spiegel-TV und RTL unterwegs in Russland, vier Jahre in Rio, dann als hochbezahlter Medienmanager in China - Fernwehgeplagten rät, bei der Lebensplanung  lieber den Gedanken an Sicherheit fahren zu lassen und ins Ungewisse zu springen, vorausgesetzt, man kommt dabei in die weite Welt. 

Dass er dabei über Sicherheitsdenken spottet und  gleichzeitig den Vorteil des Eigenheims (in seinem Fall: vermietetes Reihenendhaus und eine Hamburger Dachterassenwohnung) lobt, dürfte denn viel mit der Perspektive des heute alten weißen Mannes zu tun haben, der zur rechten Zeit am richtigen Ort war und vor allem auch die richtigen Leute traf, die ihm dann wiederum die richtigen Türen öffneten. Insofern ist das Buch für die meisten jungen Menschen der Generation Praktikum vermutlich ebenso lebensfremd wie seinerzeit für mich die Ratschläge in überfüllten Semesterveranstaltungen.

Andere Tipps des Buches sollten eigentlcih für jeden und jede, die sich für ein Leben im Ausland interessieren, selbstverständlich sein: Dass man etwa die Sprache lernt, die eigene sprachlich-kulturelle Blase meidet, in die neue Landeskultur eintaucht und mit offenem, neugierigen Blick die neue Erfahrung und Umwelt annimmt. Ganz ehrlich - für diese Erkenntnis hätte ich kein Buch gebraucht.

Dass Reisen den Blick verändert, das Eintauchen in andere Kulturen und das Leben außerhalb der bekannten Landesgrenzen und Horizonte ebenso herausfordernd wie bereichernd sein kann - das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. In diesem Buch klingt mir das alles ein bißchen ich-verliebt und eitel. Da hätte ein wenig Distanz des Autoren zu sich selbst sicherlich nicht geschadet. Als Plauderstündchen aus einem Kosmopolitenleben ist das Buch sicherlich entspannend, wer ernsthaft den Sprung ins Ausland plant, würde sich heutzutage wohl eher im Internet informieren statt sich Lebensweisheiten zugute zu führen, die telweise auf vor Jahrzehnten gemachten Erfahrungen aufbauen.

Anderes, was mich hier wirklich mal interessiert hätte, wurde dagegen nur knapp abgehakt, etwa das Jahr auf einer FDJ Kaderhochschule (ja, damals gab es die DDR noch) und wie die Erfahrung mit dem real existierenden Sozialismus den Autor letztlich geprägt hat. Oder die Frage, wann er die letzten seiner Überzeugungen über Bord geworfen hatte zugunsten von Boss-Anzügen oder Entertainment-Programm auf Kreuzfahrten.

Laut Klappentext gibt Geigen all denen "Rat und Inspiration, die selbst in die Welt aufbrechen wollen". Bei Thema Rat bin ich ein bißchen skeptisch. Und was die Inspiration angeht: Wer aufbrechen will (oder schon einschlägige eigene Erfahrungen gesammelt hat), braucht ja eigentlich kein weiteres Buch, sondern will einfach raus und weg.


Adrian Geiges, Öfter mal die Welt wechseln

Piper 2023

240  Seiten, 17,99

9783492603454