Saturday, November 16, 2024

Traumstraßen - wenn der Weg das Ziel ist

 Die Weite an der Küste, malerische Alleen, Fachwerkstädte und majestätische Berggipfel: In "33 Traumstraßen" des Polyglott-Verlags ist der Weg das Ziel. Unterteilt in "Nord" und "Süd" werden 33 Rund- und Streckentouren in und um  Deutschland vorgestellt: Ob Nord- und Ostsee (mit Abstechern ins südliche Dänemark oder ins polnische Swinoujscie, im Buch aussprachefreundlicher mit dem deutschen Namen Swinemünde), Lüneburger Heide, Mosel oder Alpen, romantischer Mittelrhein oder Mecklenburger Seen. Mit einer Tour ins Elsass geht es auch zum Nachbarn Frankreich. Gleich mehrere Touren gibt es in Österreich und Norditalien.

Neben Kurzbeschreibungen der wichtigsten oder sehenswertesten Orte entlang der Strecke gibt es Übernachtungstipps und zu jedem Ort eine Verlinkung auf Landkarten - für die Tourenplanung auf jeden Fall praktisch. Das Buch ist so strukturiert, dass es leicht ist, bei Gefallen an einer Strecke weiter zu recherchieren. Großstädte sind die Ausnahme entlang der Traumstraßen, es geht vor allem um Landschaften und kleine, malerische Orte. Zahlreiche Bilder wecken Reiselust.

Als Nicht-Autobesitzerin frage ich mich angesichts der 20 bis 30 Kilometer-Etappen entlang der Stecken allerdings, warum das Buch so auf Autofahrer zugeschnitten ist. Bei diesen Etappenlängen bieten sich die Strecken schließlich auch für Radwanderer an. Hier wären Hinweise zu Radwegenetz gut gewesen, oder auch Alternativen für ÖPNV-Benutzer. Das Deutschlandticket bietet schließlich genügend Anreiz, über den gewohnten Radius hinaus auf Tour zu gehen.

Bei nur 33 Strecken bleibt naturgemäß einiges auf der Strecke, gerade in den mittleren Regionen Deutschlands. Zur Plannug von Ausflügen und Kurzurlauben bietet das Buch dennoch zahlreiche Anregunngen. 

33 Traumstraßen

Polyglott 2024

16,99

 9783846410226

Sunday, August 11, 2024

Von Hunderennen, Wettbüro und Lebenswasser

 Klar, Bier und Whiskey dürfen nicht fehlen in Ralf Sotscheks "Gebrauchsanweisung für Irland". Wobei der Autor gleichzeitig mit Vorurteilen aufräumt: Es sei keineswegs so, als ob die Iren beim Konsum beider Getränke meilenweit vor anderen Europäern liegen - da sorgen schon die stolzen Preise auf der Insel für. Und ja, trinkfest und -freudig seien  die Inselbewohner durchaus.

Es ist weniger ein klassischer Reiseführer als ein Blick in die irische Seele und die Gewohnheiten der Iren, von der Wettleidenschaft bis zum Hunderennen und Gaelic Football, bei dem es offenbar rauh zur Sache geht. Es geht um die oft tragische Geschichte, um Dichter, Schriftsteller und Barden, um die britische Kolonisierung und den Widerstand dagegen.

Und natürlich geht es auch um Politik, um Wirtschaft und Umwelt, um die hohen Miet- und Lebenshaltungskosten, EU-Rettungsschirm und soziale Schere. "Gebrauchsanweisung für Irland" trägt nicht zur Romantisierung Irlands bei, schwankt zwischen Schmonzetten und nüchterner Analyse. Und auch wenn das Buch eher geeignet ist, Grundlagen zu Geschichte und Gegenwart zu bekommen, gibt es doch auch ein paar Tipps, sei es für die besten Fish & Chips Dublins oder den Umgang mit irischen Marktfrauen.

Ralf Sotschek, Gebrauchsanweisung für Irland

Piper 2024

224 Seiten, 13,99

9783492608176

Monday, July 29, 2024

Spuren der Wildnis

  Es gibt Bücher, die sind ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Robert MacFarlane´s  "Karte der Wildnis" gehört für mich auf jeden Fall dazu.  Angetrieben von der Sehnsucht nach den letzten verbliebenen Gebieten von Wildnis in einem von Industrialisierung und intensiver Landwirtschaft geprägten Großbritannien, macht er sich auf die Suche - in Mooren und Tälen, auf Bergen und and der Küste, von Wales über Schottland nach Irland.

Mac Farlane legt keinen Wert auf Bequemlichkeit, biwakiert auch bei Frosttemperaturen, Schneefall und Regensturm im Freien. Der Lohn dafür sind immer wieder Sternennächte ohne Lichtverschmutzung, Tierbeobachtungen, Stille und Momente voller Freude, aber auch Ängste und Respekt vor der Macht der Natur.

In seiner Karte der Wildnis, die im Gegensatz zum Autoatlas eher an die gesungenen Traumkarten indigener Völker erinnert, stellt sich MacFarlane ganz bewusst in die Tradition derjenigen, die an den beschriebenen Orten, aber auch überall auf der Welt im Laufe der Jahrhundert die Begegnung mit ursprünglicher Natur gesucht haben. So ist das Buch auch ein Nachdenken über Geschichte und Kultur, über die Mönche und Einsiedler, die bewusst solche Orte der Stille gesucht haben.  Andere Landschaften sind von Entvölkerung durch Gewalt und Elend geprägt, etwa im schottischen Hochland oder im irischen Burren, in dem verlassene und verfallene Dörfer die verbliebenen Spuren der großen Hungersnot im 19. Jahrhundert sind.

MacFarlane beschreibt Begegnungen mit Förstern und Naturfreunden, zitiert Philosophen, Gelehrte, Naturforscher. Seine Begeisterung für die Natur ist ansteckend.  Seine Erkenntnis, dass man manchmal gar nicht so weit und in so herausfordernde und unwirtliche Landschaften gehen muss, um zu beobachten, wie wilde Natur sich kleine Reservoire zurückerobert, ist eine Einladung, neugierig zu sein, genau hinzuschauen und zu staunen.


Robert MacFarlane, Karte der Wildnis

Ullstein 2024

304 Seiten, 16, 99

9783548068527

Monday, July 1, 2024

Zwischen Saudade und vielen Hügeln

 Das schöne an den Reisebänden "Gebrauchsanweisung für..." ist, dass sie weniger klassische Reiseführer als vielmehr persönliche Bekenntnisse, Erzählungen, Geschichten sind und ebensoviel über die Beziehung des Autors oder einer Autorin zu einer Stadt erzählen wie über die Sehenswürdigkeiten. Als Vorbereitung zu einem Besuch lassen sie sich lesen, viel mehr aber, um die Zeit zum nächsten Besuch in einer Stadt oder einem Land, das man selbst ins Herz geschlossen hat, zu überbrücken. "Gebrauchsanweisung für Lissabon" von Martin Zinggl bildet da keine Ausnahme.

Zinggl schildert das, wofür Lissabon berühmt ist: Fado, Pasteis de nata, die hügeligen Altstadtviertel. Er verbindet das aber stets mit Episoden und Menschen, die dem Ganzen noch zusätzlich Leben einhauchen. Nach 19 Jahren von Besuchen in Lissabon beobachtet er auch die Veränderungen: erst der verfallene Charme, dann die zunehmende Entdeckung durch den Tourismus, Overtourism, Gentrifizierung, Hipstergizierung. Die Ein-Tages-Invasion von Kreuzfahrttouristen und die Verwandlung historischer Stadtviertel in Airbnb-Hochburgen, in denen sich die Einwohner nicht mehr die Miete leisten können.

Auch da Umland von Lissabon findet einen Platz in diesem Buch, seien es die Wälder von Sintra oder die Strände rund um die portugiesische Hauptstadt mit ihren Buchten und Wellen, die so viele Surfer anziehen. Und zwischen aller Kommerzialisierung ist sie doch noch gelegentlich zu finden, die saudade, dieses melancholische Lebensgefühl der Stadt mit ihren steilen Kopfsteinstraßen, Treppen und miradouros, mit ihrem wunderbaren Licht und einem Charme, der -noch - an versteckten Orten der Vereinnahmung durch den Massentourismus trotzt.

Für mich weckt dieses Buch jedenfalls Erinnerungen an die "Stadt des Lichts" und der blau-weißen Fliesen, die bis zum nächsten eigenen Besuch Lissabon-Feeling wecken.


Mattin Zinggle, Gebrauchsanweisung für Lissabon

Piper 2024

224 Seiten, 13,99 Euro

 9783492607261

Wednesday, March 13, 2024

Unterwegs auf Weltmeeren und Flüssen

 Als eingefleischter Individualurlauber dachte Thomas Blubacher eigentlich immer, dass er völlig kreuzfahrtunkompatibel sei, ja dass eine derartige Reise für ihn ein Urlaubs-Albtraum sein dürfte. Sein Neffe, sselbst auf einem Kreuzfahrtschiff beschäftigt, teilte diese Meinung. Und doch schloss sich Blubacher einer Reise an - womöglich vor allem wegen der Verwandtschaftspflege. Es war offenbar sein Damaskus-Erlebnis, denn nun ist Blubacher Autor des Buches "Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten", ein Bericht über Schiffe, Routen und andere Passagiere sowie Crewmitglieder auf allen Weltmeeren und einigen der großen Flüsse - ob Nil und Amazona oder Rhein und Donau.

Das Buch hat mich vor allem interessiert, weil meine Schwester seit ihrer ersten Kreuzfahrt ebenfalls zum Fan mutiert ist, während ich nicht nur aus ökologischen Gründen eher skeptisch bin. Ja, die Routen mögen spannend sein, Tage auf See beim Blick aufs Meer die Seele baumeln lassen. Aber dann sind da ja noch die anderen. Passagiere, vor denen man auf einem Schiff nicht aus dem Weg gehen kann, jedenfalls möglicherweise nicht weit genug. Und überhaupt: Wie kann man auf zehn Stunden Landgang überhaupt ein Gefühl für Land und Leute entwickeln? 

Der Autor, der anfänglich offenbar sehr ähnliche Bedenken hatte, scheint schnell geläutert. Was vielleicht auch daran liegt, dass einige seiner Reisen, eigentlich die meisten, im gehobenen Segment der Kabinenkategorie stattfanden, einige der Schiffe geradezu Luxusbedingungen boten, etwa einen eigenen Butler. Das ist dann sicherlich etwas anderes als Massenabfertigung am Büffet, womöglich mit kreischenden Kleinkindern im Süßigkeiten-High, die einem zwischen die Beine wuseln.

Die teils spitzzüngigen Beobachtungen anderer Passagiere und ihres Verhaltens abseits grundlegender Benimmcodes sind amüsant zu lesen - als Reisenachbarn dürften sie mir die Urlaubsstimmung vermiesen. Und auch die Rituale der Liegenreservierung, die auf einem Kreuzfahrtschiff der Beschreibung sogar noch Malle-Touristen im Pauschalhotel toppen dürften - oh the horror! 

Als Fernwehbesessene, die schon als Kind mit dem ersten Atlas Reiserouten erträumte, ist "Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten" nicht ohne Reiz. Vor allem das teils wochenlange Unterwegssein, Ozeanüberquerungen als entschleunigte Art des Reisens klingt gut. Ob ich persönlich mich auf einem Kreuzfahrtschiff wohl fühlen würde, weiß ich immer noch nicht. Aber ich wäre vielleicht eher geneigt, es tatsächlich mal auszuprobieren. Und für alle, die gerade zwischen zwei Kreuzfahrten sind und bereits von der nächsten Reise träumen, dürfte dieses Buch ein Muss sein.

Thomas Blubacher, Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten

Piper 2024

244 Seiten, 13,99

9783492605656

Saturday, February 24, 2024

Durch die letzten Buchenurwälder Europas

 Ein bißchen Wandertagebuch, vor allem aber Naturschutzappell und Bestandsaufnahme - das können die Leser*innen von Gerald Klamers "Durchs wilde Herz der Karpaten" erwarten. Klamer ist studierter Forstwissenschaftler, aber auch stark im Naturschutz engagiert - das merkt man beim Lesen des Buches. Einmal daran, dass doch so manches mal Försterlatein im Text auftaucht, wobei der Autor sich bemüht, die Begriffe laienfreundlich zu erklären. Zum anderen ist die Leidenschaft Klamers für den Erhalt beziehungsweise die Wiederanlegung von Naturwäldern spürbar. 

Der Autor kritisiert die Zerstörung der natürlichen Wildnissysteme, von denen in Deutschland und Europa kaum noch was zu sehen ist. Wirtschaftswälder sind fast überall an die Stelle der alten natürlichen Wälder getreten, was dort wächst, hat mehr mit den Bedürfnissen der Holzindustrie zu tun. Inzwischen wissen wir beim Blick auf die heimischen Wälder - Gerade angesichts des Klimawandels wurde den Wäldern und der Natur kein guter Dienst getan. Ich habe da beispielsweise die durch Stürme und Borkenkäfer entstandenen Kahlflächen im Taunus vor Augen, andere sicher die Waldgebiete vor der eigenen Haustür.

Klamer reist in die Slowakei, nach Polen, nach Rumänien, um die letzten Buchenurwälder Europas zu durchwandern. Die Ukraine wollte er wegen des Krieges lieber nicht besuchen. Auf seinen Wandertouren durch Nationalparks trifft er Naturschützer und Aktivisten, private Investoren, die einen naturnahen Tourismus aufbauen wollen und Dorfbewohner, die über die Veränderungen ihrer Umwelt berichten. Von Winterwanderungen im Schnee bis zum Frühsommer beobachtet er auf seinen Wanderungen die Natur, die Pflanzen und Tiere und schlägt meist sein Zelt irgendwo im Wald auf. Da bekommt man beim Lesen Lust auf Wildnis. 

Gelegentlich kann der Autor einen leicht missionarischen Ton nicht vermeiden, und seine Weltsicht ist ein bißchen schwarz-weiß: gute Naturschützer, böse Holzindustrie. Die Frage nach Arbeitsplätzen und möglichen wirtschaftlichen Alternativen in einer armen und strukturschwachen Region bleibt ausgeklammert. Auch der Zeithorizont für Veränderungen bleibt unklar - ein Wald braucht schließlich Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, um sich zu entwickeln. Faszinierend sind die Wander- und Naturbeschreibungen allemal.


Gerald Klamer, Durchs wilde Herz der Karpaten

Piper Verlag 2024

272 Seiten, 17,99

9783492606578