„Heiter bis wolkig“ nannten die drei Fotografen David
Carreño Hansen, Sven Stolzenwald und Christian Werner ihre fotografische
Deutschlandreise. Nicht nur die Idee an sich ruft zu Corona-Zeiten
Nostalgiegefühle hervor. Auch die Bilder, die die drei auf der Suche nach
„typisch deutschen“ Szenen machen, wirken irgendwie aus längst vergangenen
Zeiten gerissen. Da fehlt dann nur nochder typische Farbstich alter Fotos aus
den 1970-er Jahren. Es strotzt nur so von Schrankwänden in Gelsenkirchener
Barock, Schützenfest, Mettbrötchen, Doppelhaushälften und dem morbiden Charme
tiefster Provinz. Typisch deutsch?
Auch das Vorwort von Frank Goosen zeichnet ein Bild, das der
Lebenswirklichkeit vieler Menschen so
gar nicht entspricht. Die abgebildete Provinz wird erst mal mit Häme
übergossen: „Wer jemals mit der Regionalbahn von Koblenz nach Gießen gefahren
ist, der weiß, dass Romane über Freiheit und Weite woanders geschrieben werden“, heißt es
darin. Südlich der Lüneburger Heide
kann man meistens nicht weit gucken, und so ganz verlässt einen nicht das
Unbehagen an diesem engen Deutschland, in dem immer irgendwas den Blick
verstellt.“
Die urbane Seite der Gesellschaft darf nach dieser Definition
offenbar nicht „typisch deutsch“ sein: Die Macbook-Hipster und die
Latte-Macchiato-Mütter vom Prenzlauer
Berg müssen irgendwo anders herkommen, aus dem Süden wahrscheinlich.
Hmmm. Das ist
wahrscheinlich Interpretationssache.
Gerade die LatteMacchiato-Mütterfraktion vom Prenzlauer Berg zeigt ja,
dass Konformität keine Frage der Eichenschrankwand und bestickter Sofakissen
ist. Und neulich sah ich so einen hippen Typen mit Männerdutt, ganz entspannt
schlurfte er mitseinem Macbook unter dem Arm in Flipflops durch die Großstadt.
Bizarrerweise steckten seine Füße, vielleicht typisch deutsch, in weißen
Tennissocken.
Klinkerbauten und Stammtische, Garagen und Schützenfeste,
Vereinsfeste und kurzgemähter Rasen sind in diesem Bildband ebenso vertreten
wie Gewerbegebiete und Parkplätze. Typisch deutsch? Jedenfalls nicht besonders hübsch, aber das
haben Gebiete von Mittelzentren und nicht touristischen Landregionen wohl so an
sich. Das schnelle Leben findet anderswo
statt. Vielleicht erscheint uns vieles an dieser Tristesse ja auch „typisch
deutsch“, weil Reisende im Urlaub ja eher die hippen und romantischen, auf
jeden Fall aber hübschen und pittoresken Orte eines Landes besuchen.
Ebenso merkwürdig wie das Fehlen städtischer Szenen: Dass
„typisch deutsch“ im 21. Jahrhundert eine Vielfalt und Diversität ethnischer
Wurzeln bedeutet, wird ebenfalls außen vor gelassen. Was erneut an die 60-er, 70-er Jahre
erinnert, in denen höchsten von „Gastarbeitern“ die Rede war, nicht aber von
Migration und Einwanderergesellschaft.
Beim Blättern durch den Bildband bleibt Ratlosigkeit. Ist
das jetzt ironisch überspitzt, oder glauben die tatsächlich, das sei typisch
deutsch – ohne eine einzige Dönerbude weit und breit?`
Heiter bis wolkig. Eine Deutschlandreise.
Fotografien von David Carreno Hansen, Sven Stolzenwald,
Christian Werner, Text(e) von Frank Goosen
Hatje Cantz Verlag 2020,
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