Wednesday, June 24, 2020

Von Jägerzäunen und Mettbrötchen


„Heiter bis wolkig“ nannten die drei Fotografen David Carreño Hansen, Sven Stolzenwald und Christian Werner ihre fotografische Deutschlandreise. Nicht nur die Idee an sich ruft zu Corona-Zeiten Nostalgiegefühle hervor. Auch die Bilder, die die drei auf der Suche nach „typisch deutschen“  Szenen machen,  wirken irgendwie aus längst vergangenen Zeiten gerissen. Da fehlt dann nur nochder typische Farbstich alter Fotos aus den 1970-er Jahren. Es strotzt nur so von Schrankwänden in Gelsenkirchener Barock, Schützenfest, Mettbrötchen, Doppelhaushälften und dem morbiden Charme tiefster Provinz. Typisch deutsch?

Auch das Vorwort von Frank Goosen zeichnet ein Bild, das der Lebenswirklichkeit vieler Menschen  so gar nicht entspricht. Die abgebildete Provinz wird erst mal mit Häme übergossen: „Wer jemals mit der Regionalbahn von Koblenz nach Gießen gefahren ist, der weiß, dass Romane über Freiheit und Weite woanders geschrieben werden“, heißt es darin.  Südlich der Lüneburger Heide kann man meistens nicht weit gucken, und so ganz verlässt einen nicht das Unbehagen an diesem engen Deutschland, in dem immer irgendwas den Blick verstellt.“

Die urbane Seite der Gesellschaft darf nach dieser Definition offenbar nicht „typisch deutsch“ sein: Die Macbook-Hipster und die Latte-Macchiato-Mütter vom  Prenzlauer Berg müssen irgendwo anders herkommen, aus dem Süden wahrscheinlich.

Hmmm.  Das ist wahrscheinlich Interpretationssache.  Gerade die LatteMacchiato-Mütterfraktion vom Prenzlauer Berg zeigt ja, dass Konformität keine Frage der Eichenschrankwand und bestickter Sofakissen ist. Und neulich sah ich so einen hippen Typen mit Männerdutt, ganz entspannt schlurfte er mitseinem Macbook unter dem Arm in Flipflops durch die Großstadt. Bizarrerweise steckten seine Füße, vielleicht typisch deutsch, in weißen Tennissocken.

Klinkerbauten und Stammtische, Garagen und Schützenfeste, Vereinsfeste und kurzgemähter Rasen sind in diesem Bildband ebenso vertreten wie Gewerbegebiete und Parkplätze. Typisch deutsch?  Jedenfalls nicht besonders hübsch, aber das haben Gebiete von Mittelzentren und nicht touristischen Landregionen wohl so an sich.  Das schnelle Leben findet anderswo statt. Vielleicht erscheint uns vieles an dieser Tristesse ja auch „typisch deutsch“, weil Reisende im Urlaub ja eher die hippen und romantischen, auf jeden Fall aber hübschen und pittoresken Orte eines Landes besuchen. 

Ebenso merkwürdig wie das Fehlen städtischer Szenen: Dass „typisch deutsch“ im 21. Jahrhundert eine Vielfalt und Diversität ethnischer Wurzeln bedeutet, wird ebenfalls außen vor gelassen.  Was erneut an die 60-er, 70-er Jahre erinnert, in denen höchsten von „Gastarbeitern“ die Rede war, nicht aber von Migration und Einwanderergesellschaft.

Beim Blättern durch den Bildband bleibt Ratlosigkeit. Ist das jetzt ironisch überspitzt, oder glauben die tatsächlich, das sei typisch deutsch – ohne eine einzige Dönerbude weit und breit?`


Heiter bis wolkig. Eine Deutschlandreise.
Fotografien von David Carreno Hansen, Sven Stolzenwald, Christian Werner, Text(e) von Frank Goosen
Hatje Cantz Verlag 2020,

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