Ein Reisebuch wie „Gebrauchsanweisung für…“ kann man sich
vor einer geplanten Reise besorgen, um schon einmal etwas über das Ziel zu
erfahren – auch auf die Gefahr, dann später den Ort durch die Perspektive des
Autoren zu betrachten. Oder man greift zum Buch, um – gerade in Corona-Zeiten
zum Hier-Bleiben gezwungen – einem vertrauten und geliebten Ort wenigstens auf
diese Art nahe zu kommen, neugierig, wie andere ihn sehen und erleben.
So ging
es mir mit Martin Zinggls „Gebrauchsanweisung für Lissabon“, wo ich eigentlich
im Mai wieder einmal sein wollte. Aber nix da. Kein Pastel de nata, kein Abhängen an einem der zahlreichen
Miradouros im magischen Licht des späten Nachmittags. Also statt dessen: ein Buch.
Einer der besten Sätze findet sich
gleich in einem der ersten Kapitel: „Wäre Lissabon ein Mensch aus Fleisch und
Blut, könnte die Stadt nur Leonard Cohen sein.“
Das trifft es perfekt, denn diese Mischung aus Eleganz, Poesie und
Melancholie eint den kanadischen Sänger und Dichter und die Stadt am Tejo.
Zinggl beschreibt einiges, was für Erstbesucher zum
Pflichtprogramm gehört, etwa die Fahrt mit der ruckelnden Tram durch die engen,
steilen Gassenvon Alfama und Graca, die Miradouros, Chiado und Baixa, er schildert die
Auswirkungen von Gentrifizierung und dem Verlust der authentischen
Einwohnerschaft in den bei Investoren und Airbnb-Betreibern in Stadtteilen wie
Alfama. Eine Entwicklung, die er ja
selbst mitmachte (auch wenn das in dem Buch dann nicht so reflektiert wird),
lebte er doch schließlich bei zwei längeren Aufenthalten in Lissabon selbst
dort.
Klar, dass auch die kulinarischen Besonderheiten nicht
fehlen dürfen, etwa der getrocknete Kabeljau oder eben die berühmten pastel de
nata samt ihrer Entstehungsgeschichte. Wobei er die übrigen zahlreichen süßen
Traditionen portugiesischer Backkunst leider unterschlagen hat. Dabei entgeht
Süßmäulern so einiges, wenn sie sich ausschließlich auf die
Blätterteig-Puddingtörtchen stürzen, die „man“ in Lissabon probieren muss.
Am besten ist „Gebrauchsanweisung für Lissabon“ da, wo
hinter die Kulissen geblickt und Menschen vorgestellt wie die
Kunsthistorikerin, die liebevoll alte Kacheln restauriert, der greise Hotelangestellte aus Estoril, der
auch schon beim Bond-Film „Casino Royale“ eine Statistenrolle hatte, die
Buchhändler, die Kellner und Lebenskünstler. Am überflüssigsten ist die
Nabelschau über eigene versackte und verkiffte Kneipennächte, Liebeskummer und
Lebenskrisen. Das lässt sich, wenn unbedingt nötig, ja auch in einem Roman
verarbeiten.
Martin Zinggl, Gebrauchsanweisung für Lissabon
Piper, 2020
224 Seiten, 15 Euro
978-3-492-27741-9
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